Französinnen

Mit der Deutschen Bahn fahren wir zurück von einem Wochenende in der alten Heimat. Voll mit wunderschönen Eindrücken. Friedlich döst der Mann, den ich liebe. Ich schaue aus dem Fenster auf romantische Rheinlandschaft. Perfekt dazu: vier jugendliche Französinnen auf der anderen Seite des Gangs. Aufgeregte Gespräche und Kichern in einer Sprache, die ein Gefühl hochzaubert von einem schönen Urlaub in der Provence.

Bis zum ungeplanten Halt im Bonner Bahnhof, wo wir einen durchfahrenden ICE durchlassen müssen. So zumindest der Zugbegleiter, leider nur auf Deutsch. Unruhe bei den Nachbarinnen. Nett gemeint übersetze ich und ernte kurz dankbare Lächeln. Dann Erschrecken, Stille. Und hektisches Getuschel. Weil ich französisch kann. Verstehen könnte, vielleicht zu viel verstanden habe.

Also nur noch flüstern. Kaum mehr Kichern. Selbst der Mann, den ich liebe, wacht auf davon. Zum Glück fährt der Zug wieder an, lässt uns wenig später in Köln raus. „Au revoir!“, lächle ich zum Abschied. Und höre, wie sie erleichtert wieder loslegen.

Ikea

Diesmal brauchten wir wirklich was. Ein paar Helferlein für Ordnung und Schönheit. Und obwohl der Besuch kurz war, zieht es den Mann, den ich liebe, mit Macht zum Auto. Will er nur weg von Billys und Köttbullars und Teelichten mit Erdbeergeruch.

Und wird abrupt gebremst von einem jungen Pärchen. Mit unruhigem Blick. Und einem verlorenen Auto. Weil sie sich vor lauter Vorfreude den Stellplatz nicht gemerkt haben. Stunden im Laden verbracht haben mit tausend Eindrücken. Und natürlich ist es ein Allerweltsauto, dunkelblau, mit einheimischem Kennzeichen.

Selbstverständlich helfen wir. Suchen die Reihen ab. Immer im Doppelpack. Vorbei an verständnisvollen Blicken, aufmunternden Worten. Und einem kleinen Jungen, der dabei sein will. Schnell die entscheidende Idee einbringt: „Klick doch auf den Schlüssel!“ Und sofort losrennt, als uns in der übernächsten Reihe die Vorderlichter zuzwinkern. Hüpfend neben dem Auto winkt. „Gefunden!“.

Jesus

Besuch vom Nachbarskind. Und passend zur Jahreszeit hat sie ihre Krippe mitgebracht. Erklärt mir mit großem Ernst alle Figuren. Bezeichnung, Namen, Accessoires. Geflügelte Engel, Hirten mit Stab, Josef und Maria.

Und das Jesuskind. „Ein Mädchen“, findet mein Besuch mit großer Überzeugung. „Ein Junge“, muss ich sie enttäuschen. „Ein Mädchen“, kann sie das nicht so einfach akzeptieren.

Also holen wir die Kinderbibel von nebenan. Lesen es schwarz auf weiß: Maria und ihr erstgeborener Sohn. Die Enttäuschung hart, aber zum Glück nur kurz. Und eine gute Idee für alle Fälle: „Wenn es ein Mädchen wäre, könnte sie Jesus-Lillifee heißen!“. „Unbedingt“, finde ich.

 

Ihr Kinderlein kommet

Besuch von Freunden, zufällig im Advent. Also auch Plätzchen und Glühwein zu Käse und Chips. Ansonsten ist alles wie immer: Quatschen, ein bisschen Lästern, Lachen. Bis zur kleinen Gesprächspause, in der die beiden erst sich anschauen, dann uns. Mit breitem Grinsen im Gesicht. Und dann in ihrem großen Rucksack wühlen, über den ich mich schon bei der Begrüßung gewundert habe.

„Beim Kelleraufräumen gefunden“, sagt er stolz und zaubert eine Blockflöte auf den Tisch. „Und festgestellt, dass wir’s noch können“, strahlt sie, platziert eine zweite daneben. „Und weil du doch als Kind im Flötenkreis warst…“

Erst Schweigen, dann wieder breites Grinsen. Jetzt auch vom Mann, den ich liebe. Widerstand zwecklos und schon zwei Glühwein im Bauch. Also sitzen wir kurz später vor „Ihr Kinderlein kommet“ in einem vergilbten Flötenbüchlein. Dreistimmig gesetzt, aber überraschend leicht. Zumindest so lange, bis ich von den Noten aufschaue. In ein Gesicht, das sich vor Lachen nicht mehr halten kann. Und wir zu Dritt losprusten in quietschende Flöten hinein.

Advent

 

Termin in der Behörde. Natürlich wieder spät dran. Also hetze ich durch den langen Gang, hoffe auf gut gelaunte Gnadenstimmung. Und bremse am Ziel abrupt ab, ratlos über den Anblick: Die Tür offen, der Schlüssel von außen im Schloss. Auf dem Schreibtischstuhl steht die Sachbearbeiterin, den Rücken zu mir. Gefährlich weit nach vorne gebeugt, Richtung Wand. Klebestreifen in der einen, Lichterkette in der anderen Hand.

Regungslos stehe ich. Mucksmäuschenstill. Im Kopf ratternde Fragen. Hat sie mich gehört? Wird sie erschrecken, wenn ich etwas sage? Vom Stuhl fallen? Wenn ich mich räuspere? Flüstere?

Bis ich meinen Körper vorsichtig zur Seite drehe und den Gang zurück schleiche. Nochmal starte mit langsamen festen Schritten, schon von weitem zu hören. Im Ankommen sehe, wie sie vom Stuhl steigt, ein Ende der Lichterkette in der Hand. Freundlich fragt: „Können Sie vielleicht den Schlüssel abziehen, wenn Sie die Tür schließen?“