Unbedingt nehmen

Auf der Suche nach neuen Stiefeln. Ersatz für die lieb gewonnenen Begleiter aus den letzten Wintern. Und tatsächlich finde ich ein Paar, das fast nahtlos an seinen Vorgänger anschließen kann. Schon will ich sie kaufen.

Als mir auf dem Weg zur Kasse die anderen auffallen. Tolles Leder, schlichtes Design. Aber ganz flacher Absatz. Nichts für mich. Trotzdem probiere ich sie an. Nur um sicherzustellen, dass sie wirklich nichts sind.

Ungewohnt. Aber sehr bequem. Und irgendwie schick, lässiger. Unentschlossen hole ich die erste Wahl aus der Schachtel. Ziehe je einen Stiefel an. Laufe ein paar Schritte. Prüfe im Spiegel. Gehe im Kopf Kombinationen durch. Ziehe den mit dem höheren Absatz aus, den mit dem flachen an.

Neben mir eine tolle Frau. Gut angezogen, strahlendes Lächeln. “Unbedingt nehmen!”, sagt sie. “Lässig und schick.”

 

 

Wieder anfangen

Um an den Karnevalstagen möglichst viele kölsche Lieder mitsingen zu können, geht man in Köln zu Einsing- oder Mitsingabenden mit unterschiedlichen Szenarien. Dieses Mal sind wir in einem kleinen Kiosk gelandet, in dem Birgit uns mit ihrem Akkordeon auf die fünfte Jahreszeit einstimmt.

Die Stimmung ist gut. Konzentration bei den neuen Liedern und lautes behagliches Schmettern bei den alten Krachern. Vor der Pause ein Hit der letzten Jahre. Alle voll dabei, nur mein Nachbar seltsam ruhig mit Denkfalte auf der Stirn. “Kannte ich nicht”, muss er nach dem Lied nachdenklich gestehen.

Weil er in den letzten Jahren nicht so viel Karneval gefeiert hat. Morgen aber auf jeden Fall das Lied im Internet suchen und nachlernen wird, wie er mir und den anderen versichert. Und alles Beschwichtigen und Kleinreden mit energischem Kopfschütteln abwiegelt: “Ich muss wieder anfangen mit dem Feiern!”

 

Laterne

Wir begegnen uns an der Haustür: Nachbarin, Nachbarskind und ich. Vom Martinszug kommen sie, wie die Kleine sofort berichtet. Und nur kurz Luft holt, um mir alles Wichtige zu erzählen: Vom Martin auf dem Pferd, dem großen Feuer und den Liedern. Und natürlich vom Weckmann, den ihre Mutter extra aus der Tasche holen muss, damit ich ihn anschauen kann. Angeleuchtet vom Licht der selbst gebastelten Laterne.

Weil anderes Licht strengstens verboten ist. Vor allem im Hausflur. Auch, wenn wir für einen Moment stehen bleiben müssen, uns orientieren. Und entdecken, dass alles ganz anders aussieht. Wände, Treppenstufen, Briefkästen. Der Raum so viel größer und undurchdringlicher, dass wir flüstern. Uns Schattenfiguren zeigen, kleine Feen, freundliche Gespenster.

Und dann tastend losgehen, eine kleine Lotsin an der Spitze, die uns Stufe für Stufe ins richtige Stockwerk führt.

 

 

 

Atlantik

Urlaub mit Freunden in Porto. Eine tolle Stadt mit glitzerndem Fluss und bunten Häusern, an denen der Putz genau richtig abblättert. Mit engen Gassen, kuriosen Läden, tollen Menschen.

Trotzdem sind wir an diesem Nachmittag raus gefahren. Mit der Bahn ans Meer. Ungewohnt still und jeder mit sich selbst beschäftigt nach drei Tagen voller Eindrücke. Auch auf dem Weg zum Strand nur knappe Kommentare über die Hässlichkeit dieser Bettenburgen, mit denen man sich die schönste Gegend verschandeln kann.

Und dann das Meer. Der Ozean. Krachende Wellen, dröhnender Wind. Schnell die Schuhe ausziehen und runter laufen, Sand zwischen den Zehen. Ins Wasser, das so eisig ist, dass sich keiner ein Quietschen verkneifen kann. Dass wir “kalt” schreien müssen und “schön” und “gewaltig”. Und dann loslachen, weil nichts davon originell ist.

 

 

 

Lesen

Dieser Mann auf der anderen Seite des Ganges. Wie er seit Stunden liest. So gebannt, dass er nichts anderes mitbekommt. Zugdurchsagen, Landschaft, den Wagen mit Kaffee und Süßigkeiten. Und leider hält er das Buch so, dass ich den Titel nicht erkennen kann. Spekulieren muss, was so fesselt.

Kurz vor Leverkusen hat er es geschafft, klappt das Buch zu, schaut einen Moment in die Luft, bevor er es fast zärtlich auf den Nebensitz legt. Mit dem Cover nach unten, dem Buchrücken zum Fenster. Noch immer versonnen aufsteht und weggeht, vielleicht in den Speisewagen, vielleicht zur Toilette.

Es wäre ein Schritt über den Gang. Ein kurzes Rüberbeugen, Hochnehmen, schnell den Titel lesen. Er würde nichts bemerken. Bei der nächsten Haltestelle bin ich aus dem Zug.

Ich stehe nicht auf. Weiß, was sich gehört. Drehe mich extra weg, zum Fenster. Und sehe doch aus dem Augenwinkel die ältere Dame, die sich gar nicht vorsichtig dem Sitz nähert. Sich einfach rüber beugt, das Buch dreht und ohne Hektik zu ihrem Platz zurück geht. Ich meine, sie lächelt.