Eberhard

 

Da sitzen wir im Servicebereich der Deutschen Bahn: Opfer des Sturmtiefs Eberhard, die heute wohl nicht mehr von hier wegkommen. Deutet man Mimik und Gestik der Servicebeamtin richtig. Trotzdem warten wir auf das Aufblinken unserer gezogenen Nummern, um am Schalter persönlich den Stand der Dinge zu erfahren.

Zum Überbrücken der Wartezeit quatsche ich mit meiner Nachbarin. Anfang 20, irgendwie gut gelaunt. Im Gegensatz zur Stimmung um uns herum. Der Grund einfach: eine Fernbeziehung, von der sie heute nach einem wunderschönen Wochenende aufbrechen muss. Nach Stuttgart, Hunderte von Kilometern entfernt.

„Und dein Freund hat dich nicht zum Bahnhof gebracht?“, frage ich irritiert.

„Sitzt im Auto!“, strahlt sie.

Und strahlt noch mehr, als kurz darauf eine Servicebeamtin aufsteht und die Hände zum Trichter formt, damit sie die gleiche Information nicht wieder und wieder geben muss. Weil heute Abend nichts mehr fährt. Weder nach Süd noch nach Nord.

Florian

Karnevalssamstag in der Kneipe. Dritter Tag der Feierei. Singen, schunkeln, tanzen. Zeit für eine kurze Pause im Eckchen: Füße hochlegen, Wasser trinken.

Und dann Florian. Der mir seinen Namen freundlich gegen die Musik zubrüllt, sich neben mich setzt. Ein Kölsch in meine freie Hand drückt, anstößt. Und sofort Sätze in mein Ohr ruft. Mich schon beim Tanzen gesehen hat. Mein Kostüm schön findet. Und so gerne wissen will, wie ich heiße.

„Carolin“, schreie ich schmunzelnd zurück und sofort dazu, dass ich hier bin mit dem Mann, den ich liebe.

„Aber wir können doch trotzdem reden“, meint er, sieht mich vorsichtig an.

Und dann tun wir das. Immer nah am Ohr. In kurzen Sätzen. Frage, Antwort, Nachfrage. Und brechen schließlich lächelnd ab, schauen gemeinsam auf die Tanzfläche. Stoßen an und trinken in kleinen Schlucken. Bis die Gläser leer sind.

Rotes Mäntelchen

Da habe ich es also zum ersten Mal an – das neue rote Frühlingsmäntelchen, zu dem mich die Freundin beim Einkaufsbummel überredet hat. Obwohl man es nicht zu allem tragen kann. Man sowas nicht wirklich braucht, weil es genügend schwarze und beige Jacken im Schrank gibt. Jacken, in denen man nicht so auffällt wie in dieser Knallfarbe.

Aber der Mantel steht mir, das musste ich einsehen. Und er trägt sich so leicht, macht Lust auf Sonne und warme Tage. Trotzdem habe ich heute vorsichtshalber einen grauen Schal dazu kombiniert. Betrachte mich kritisch in jedem Schaufenster, argwöhne verstärkte Aufmerksamkeit in anderen Blicken.

Und ernte beim Warten an der Haltstelle ein strahlendes Lächeln neben mir: „Toller Mantel!“. Bekräftigt von einer anderen, gut aussehenden Frau: „Wo ist der her?“. Und eine dritte, ganz in Schwarz: „Man sollte viel mehr Farbe tragen.“

Kronen

Wiedermal Besuch vom Nachbarskind. Mitten ins Spielen klingelt es an der Tür. Überraschender Besuch. Freundinnen auf dem Weg zur Karnevalsveranstaltung. Verkleidet als Feen – so kitschig wie irgend möglich. Auf den Köpfen pinkfarbene Kronen. Blinkend.

Kurzes Erschrecken. Dann lautes Lachen. Umarmung und Reinbitten. Und schon im Flur holt die eine den Sekt aus der Tasche. Die andere dreht sich kichernd um die eigene Achse. Schließlich muss ich den unfassbaren Tüllrock mit Glitzerpunkten ausreichend bewundern.

Zwischen all dem das Nachbarskind. Reglos. Nur Augen für die blinkenden Kronen. „Willst du mal eine aufsetzen?“, frage ich. Stummes Nicken. Vorsichtige Schritte ins Bad, wo wir das Licht auslassen, uns vor den großen Spiegel stellen. Und ich ihr behutsam die Krone aufsetze.

Service vom Haus

Die schlimmste Phase des Krankseins: Die Tage des Schlafens vorüber, aber immer noch schlapp. Zuviel ferngesehen, das letzte brauchbare Buch gelesen. Also muss er ran, der Mann, den ich liebe. Nachschub aus der Buchhandlung besorgen, bitte auf Empfehlung einer Mitarbeiterin. In meinem Hirn zu viel Watte, um selbst eins auszusuchen.

Nicht so einfach, finden die beiden. Senden per Handy zwei Buchcover aus dem Laden. Mit Fragezeichen. Auf dem Sofa checke ich per Laptop gegen. Schicke ein unentschlossenes Fragezeichen zurück und bekomme ein neues Cover. Checke gegen. Melde: „Könnte passen, weitere Vorschläge?“ Und habe kurz darauf eine Frauenstimme am Ohr. Freundlich und munter.

Mit guten Genesungswünschen und so einigen schwierigen Fragen. Nach den letzten gelesenen Büchern. Lieblingsautoren. Genres. Und schließlich mit dem Buch, das sie vor einem Monat gelesen hat. Mit Grippe auf dem Sofa. „Ganz leicht, aber wunderschön“, sagt sie. Und: „Das gebe ich Ihrem Mann jetzt mal mit.“