Komplimente

Manchmal braucht es Zufälle. Eine Kollegin, die ich erfolgreich zur neuen Brille beraten habe. Und die Bäckereiverkäuferin, der ich am nächsten Tag gegenüber stehe. Und der ich einfach sagen muss, wie gut ihr ihre Brille steht. Überrascht hält sie inne. Strahlt einen verzauberten Moment, bevor sie sich mit schnellem „Danke“ dem nächsten Kunden widmet.

Weil es so schön war, mache ich bei der Kassiererin im Supermarkt weiter. Weil sie wirklich tolle Haare hat. Beneidenswerte Locken in schimmerndem Rot. Auch hier dieser verzauberte Moment. Wie beim Mann hinter der Käsetheke im Bioladen. Mit dem Hemd in leuchtendem Knallblau. Der Frau, die an der Ampel neben mir wartet. Und so gut riecht.

Nicht aus Bayern

Ankunft in Regensburg im strömenden Regen. Und natürlich habe ich keinen Schirm dabei. Also im Taxi zum Hotel. Ausnahmsweise. Und so lande ich bei dem freundlichen aufgedrehten Italiener wie er klischeehafter nicht sein könnte:

Viel Schwung, um den Koffer in den Wagen zu wuchten. Dramatische Geste und „Bitte Signora!“ beim Türaufhalten. Und wortreiche Informationen zur Schönheit der Stadt, nachdem wir kurz das Ziel geklärt haben.

Ich lasse mich in den Sitz sinken, genieße die Show. Bis auf einmal die Frage kommt, was mich nach Regensburg führt. „Arbeit“, kann ich sagen und kurz das Seminar anreißen, bevor er mir lachend ins Wort fällt: „Sie sind aber nicht aus Bayern! Das hört man!“

Neun von zehn

Essen gehen mit dem Mann, den ich liebe. Zur Feier des Tages nicht nur schick gemacht sondern auch Nagellack aufgetragen. Alltagsuntaugliches Rot. Es lohnt sich – nach dem letzten Abbrechen sind die Nägel endlich wieder ansehnlich lang.

Bis es doch passiert. Ohne Anstoßen oder Handwerken oder Kisten schleppen oder Wühlen in Blumenerde. Wie immer am rechten Ringfinger. Und der Mann schon in Jacke an der Tür, seinen Schlüssel und meine Handtasche in Händen.

Also nur schnelles Zurechtfeilen, um schlimmeres zu verhindern. Am schlimmsten aber, dass ich mich so dreifach ärgere. Ausgerechnet heute. Über ein Tussi-Problem. Und weil Ärgern so gar nichts bringt außer verdorbenem Genuss.

Da es manchmal hilft, rede ich darüber. Und dieser Mann hat seine eigene Meinung. Erklärt mir, dass ich wieder mal falsch hinschaue. Weil neun von zehn Nägeln ganz wunderschön seien. Da mache doch dieser eine wirklich nichts. Während er das sagt, sieht er überhaupt nicht ironisch aus.

Sommerregen

Zu Hause angekommen nach einem wunderschönen Urlaub. Und wieder sind wir spät losgefahren, haben die letzten Minuten am Urlaubsort ausgekostet und noch so viel Neues entdeckt.

Erschöpft liegen wir nun im Dunkeln. Vertraut und doch ungewohnt nach zwei Wochen in fremden Betten. Und leider ebenso warm wie im Süden. Wo es egal war, wann wir einschliefen. Kein Alltag wartete mit To Do-Listen und Fitseinmüssen. Genervt drehe ich mich von einer Seite auf die andere. Halte mich an schönen Erinnerungen fest. Versuche, zu entspannen.

Bis vor dem gekippten Fenster der Regen einsetzt. Guter deutscher Landregen. Friedlich, regelmäßig und kühl.

Minho-Möwen

 

Am letzten Tag eines wundervollen Urlaubs sitzen wir am Minho, dem Grenzfluss zwischen Spanien und Portugal. Idyllisch gelegen. Rechts und links bewaldete Ufer, ein schier endloser Spazierweg. Von unserer Bank aus sehen wir das ruhig plätschernde Wasser, einen hellblauen Himmel.

Und sind ein bisschen traurig. Wie immer am Ende von so viel gemeinsamer Zeit. Sitzen nebeneinander und schweigen. Und sehen, wie ein großer Schwarm Möwen anfliegt, sich in der Flussmitte niederlässt. Wie zu einer schaukelnden Versammlung. Die schnatternd lauter wird, dann wieder leise, irgendwann wieder lauter. Bis neue Möwen dazu kommen, alte aufsteigen mit neuem Ziel.

„Wie wir“, sagt der Mann, den ich liebe.