Kreisel

Wiedermal in Porto, diesmal mit meiner Mutter. Die natürlich mit muss in die spektakulären Markthallen. Den bunten Ständen mit heimischem Obst und Gemüse. Getrockneten Fischen, selbst gemachten Marmeladen, Krimskrams aus Kork und Selbstgestricktem. Dazwischen Spielzeug, an dem wir erst vorbei gehen wollen.

Bis sich der Verkäufer einschaltet. Seine Kreisel anpreist. Besondere Kreisel, bei denen man beherzt eine Schnur ziehen und den Kreisel auf den Boden krachen lassen muss. Wo er sofort rotiert, ein schönes verwischtes Muster auf der Oberfläche. „Auch mal?“, fragt er in schwer verständlichem Englisch. Und hält meiner Mutter einen Kreisel hin.

Die lacht und macht. Zieht fest an der Schnur. Lässt den Kreisel aufknallen. Und schaut fasziniert dem Drehen zu. Lachend. Nimmt den ruhenden Kreisel auf, lässt sich mit der Schnur helfen und legt gleich noch einmal los. Und noch einmal. Um uns herum Menschen, die stehen bleiben. Zuschauen. Mit schweren Einkaufstüten in den Händen.

Darf ich bitten?

Urlaub in der Normandie mit dem Mann, den ich liebe. Und weil es dort so schön sein soll, machen wir einen Tagesausflug nach Trouville. Bestaunen Strand, Gassen und wieder Meer und Strand. Pünktlich zum Abendsonnenschein, der Häuser und Sand in dieses wunderschöne Licht taucht.

Versonnen schlendern wir barfuß durch den Sand. Vorbei an Familien, die ihre Sachen zusammen packen. Vorbei an Rentnern, die ihre Gesichter noch ein paar Momente lang in die Wärme halten. Und vorbei am Café, auf dessen Terrasse gerade eine Band mit dem ersten Lied loslegt. Eine Rumba, passend zu Chillout und Sundowner.

„Darf ich bitten?“, lächelt der Mann, den ich liebe und legt Rucksack und Schuhe in den Sand.

B-Note

Draußen mit den Neffen. Mit klarer Aufgabe: Zeitnehmerin sein beim Rennen auf der genau ausgetüftelten Hindernisstrecke. Die sie wieder und wieder fahren – stets dicht an der neuen Bestzeit dran. Und dafür braucht es immer neue Tricks. Zum Beispiel Anlauf nehmen. Mit Sprung in die Rennstrecke starten. Punkte bekommen für die Schönheit des Sprungs, die man von der gestoppten Zeit abziehen kann.

Bis wir die B-Note auf die Schönheit des Anlaufnehmens ausweiten, es immer tänzerischer wird, und die Neffen mich nach Anregungen fragen. Irgendwann der Große: „Mach mal vor!“, sagt. Zwei konzentrierte Jungs meinen Ideen zuschauen. Einer Mischung aus dem, was ich in Kinderturnen und Jazztanz gelernt habe, kombiniert mit Schritten aus Tanzschulzeiten. Und während der Große sich schon ans Nachahmen macht, strahlt mich der Kleine an. Murmelt: „Toll!“

Parallelwelt

Im Café. Endlich mal in Ruhe lesen. Doch schon nach wenigen Seiten entern zwei Männer den Nachbartisch. Wählen umständlich Getränke aus der Karte, verteilen unheilvoll viel Papier auf dem Tisch. Fliehen ist zwecklos. Alle anderen Tische sind besetzt.

Tapfer lese ich weiter. Gegen den Wortschwall des einen Nachbarn. Hektisch, fahrig, Verzweiflung in der Stimme. Weil er nicht weiß, wie er das alles sortieren soll. Welche Antwort zu welcher Frage. Weil er den Job doch unbedingt haben will. Weil das ein super Vorstellungsgespräch werden muss. Beruhigend der andere: “Fang doch mal an.”

Und das tut er. Und wird mit jedem Satz ruhiger. Ein Strahlen, das schon von der Stimme ausgeht. Verstohlen linse ich zum Nachbartisch. Glänzende Augen, weiche Gesten. Zu einer Melodie aus Worten, die so schön klingen wie eine fremde Sprache: Dispergierung, Entschäumer, Mahlprozess. Ich lege mein Buch weg und lehne mich zurück.

Nächstes Mal

Wiedermal in Eile aufgebrochen. Und scheinbar leider mein Handy vergessen. Was ich aber erst bemerke, als ich es rausholen will, um das Ticket aufzurufen. Panisches Kramen. Immer zu viele Fächer in diesen Taschen. Aufstehen, Hosentaschen checken. Nichts. Jackentasche. Nochmal aufstehen. Und rumschnellen, als sie neben mir steht:

Groß und kräftig. Blonde Haare, sehr gerade gescheitelt. Brille mit Goldrand. Dezenter Lippenstift. Perlenohrringe. „Die Fahrkarte bitte!“

In meinem Kopf arbeitet es. Schnell eine gute Ausrede. Am besten eine große Geschichte. Ein überfahrener Hund. Nervös auf dem Weg zum Vorstellungsgespräch. Vielleicht ein Todesfall?

„Handy vergessen“, sage ich schlicht nach einer gefühlten Ewigkeit. Eine Spur zu sachlich vielleicht.

„Nächstes Mal dran denken“, zwinkert sie und geht weiter.