Lesen

Dieser Mann auf der anderen Seite des Ganges. Wie er seit Stunden liest. So gebannt, dass er nichts anderes mitbekommt. Zugdurchsagen, Landschaft, den Wagen mit Kaffee und Süßigkeiten. Und leider hält er das Buch so, dass ich den Titel nicht erkennen kann. Spekulieren muss, was so fesselt.

Kurz vor Leverkusen hat er es geschafft, klappt das Buch zu, schaut einen Moment in die Luft, bevor er es fast zärtlich auf den Nebensitz legt. Mit dem Cover nach unten, dem Buchrücken zum Fenster. Noch immer versonnen aufsteht und weggeht, vielleicht in den Speisewagen, vielleicht zur Toilette.

Es wäre ein Schritt über den Gang. Ein kurzes Rüberbeugen, Hochnehmen, schnell den Titel lesen. Er würde nichts bemerken. Bei der nächsten Haltestelle bin ich aus dem Zug.

Ich stehe nicht auf. Weiß, was sich gehört. Drehe mich extra weg, zum Fenster. Und sehe doch aus dem Augenwinkel die ältere Dame, die sich gar nicht vorsichtig dem Sitz nähert. Sich einfach rüber beugt, das Buch dreht und ohne Hektik zu ihrem Platz zurück geht. Ich meine, sie lächelt.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.