Wie viel kürzer

Auch heute ist die Situation fürchterlich skurril. Aber es geht um den Jeansrock und seine letzte Chance. Gekürzt und künftig mit Leggings kombiniert, könnte es noch was werden. Also Umziehen in der viel zu kleinen Kabine und Präsentation vorm Änderungsschneider in unmöglicher Klamottenkombination. Doch der freundliche ältere Mann ist nur an einer Frage interessiert: „Wie viel kürzer?“

Eine Frage, die wir über Versuch und Irrtum klären. Und weil ich nicht gleichzeitig schauen und zeigen kann, kniet er vor mir und klappt den Saum um – bisschen mehr, bisschen weniger. Bei jedem neuen Vorschlag ein fragender Blick. Dahin, wo ich in den Spiegel schaue und mir nicht vorstellen kann, wie es am Ende aussehen wird. Bis er ungeduldig abkürzen will: „Kannst du doch tragen bei so schönen Beinen!“

Dann passiert alles gleichzeitig. Alles Blut schießt in sein Gesicht, das er knallrot abwendet. Und ich so überrascht, dass ich mich in einen Teenager verwandle und fast zu kichern anfange, als ich nicke und „Danke!“ sage. Er, der sich mit ganzer Konzentration daran macht, Stecknadeln in den steifen Stoff zu stecken. Wie immer, ohne mich zu pieksen.

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