Advent

 

Termin in der Behörde. Natürlich wieder spät dran. Also hetze ich durch den langen Gang, hoffe auf gut gelaunte Gnadenstimmung. Und bremse am Ziel abrupt ab, ratlos über den Anblick: Die Tür offen, der Schlüssel von außen im Schloss. Auf dem Schreibtischstuhl steht die Sachbearbeiterin, den Rücken zu mir. Gefährlich weit nach vorne gebeugt, Richtung Wand. Klebestreifen in der einen, Lichterkette in der anderen Hand.

Regungslos stehe ich. Mucksmäuschenstill. Im Kopf ratternde Fragen. Hat sie mich gehört? Wird sie erschrecken, wenn ich etwas sage? Vom Stuhl fallen? Wenn ich mich räuspere? Flüstere?

Bis ich meinen Körper vorsichtig zur Seite drehe und den Gang zurück schleiche. Nochmal starte mit langsamen festen Schritten, schon von weitem zu hören. Im Ankommen sehe, wie sie vom Stuhl steigt, ein Ende der Lichterkette in der Hand. Freundlich fragt: „Können Sie vielleicht den Schlüssel abziehen, wenn Sie die Tür schließen?“

 

 

 

1 Kommentar

  1. Klasse Geschichte! Die wieder mal beweist: auch bei Behörden sind „nur“ Menschen beschäftigt.
    Schönen restlichen Advent an dich, den Mann, den du liebst und alle, die dieses lesen.

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