Bisschen neidisch

Eine Szene wie im schlechten Film. Eine Taube hat mich angeschissen. Mitten in der Stadt. Mitten auf die Jacke. Wenigstens nicht auf meinen Kopf. Und zum Glück lässt mich die verständnisvolle Thekenfrau im Café sofort nach hinten durch gehen.

Und so stehe ich auf der Damentoilette und wasche mit spitzen Fingern und viel Papiertüchern das gelblich-weiße Zeug aus dem dunklen Stoff. Zum Glück erfolgreich. Auch wenn es mich vor Ekel schüttelt.

Die Frau neben mir macht sich ausgiebig frisch. Dazwischen verstohlene Blicke auf meine Aktion. Schließlich die knappe Frage: „Vogelschiss?“. Knapp nicke ich zurück. „Bei uns bedeutet das Glück“, wendet sie sich mir zu, den Lippenstift in der Hand. „Da bin ich jetzt wirklich ein bisschen neidisch!“

Schatten

Draußen mit den Neffen. Die neuen Tretroller austesten auf Schnelligkeit, Design und Kurvenlage. Bis dem Großen die tote Maus auffällt. Dicht neben der Teststrecke. Und wir einen Moment innehalten, Mitleid haben mit dem toten Tier. Bis die Neffen beschließen, die Maus mit der Schaufel auf den Rasenstreifen neben der Spielstraße zu schaffen. Damit wir sie mit den Rollern nicht zermatschen.

Unter der Maus Maden. Und sofort erwacht der Forschergeist. Wundern sich die beiden über die plötzliche Nervosität, das Gewimmel. Und woher sie kommen, diese kleinen weißen Tiere. Und dass sie überhaupt so weiß sind.

Also versuche ich, zu erklären. Dass die Maden irritiert sind. Nach der Maus suchen. Und vor allem das Sonnenlicht viel zu hell finden. Sofort beugt sich der kleine Neffe vor. Murmelt: „Jetzt habt ihr Schatten.“ Und schweigend sehen wir zu, wie die Maden nach und nach zwischen den Steinen verschwinden.

Komplimente

Manchmal braucht es Zufälle. Eine Kollegin, die ich erfolgreich zur neuen Brille beraten habe. Und die Bäckereiverkäuferin, der ich am nächsten Tag gegenüber stehe. Und der ich einfach sagen muss, wie gut ihr ihre Brille steht. Überrascht hält sie inne. Strahlt einen verzauberten Moment, bevor sie sich mit schnellem „Danke“ dem nächsten Kunden widmet.

Weil es so schön war, mache ich bei der Kassiererin im Supermarkt weiter. Weil sie wirklich tolle Haare hat. Beneidenswerte Locken in schimmerndem Rot. Auch hier dieser verzauberte Moment. Wie beim Mann hinter der Käsetheke im Bioladen. Mit dem Hemd in leuchtendem Knallblau. Der Frau, die an der Ampel neben mir wartet. Und so gut riecht.

Nicht aus Bayern

Ankunft in Regensburg im strömenden Regen. Und natürlich habe ich keinen Schirm dabei. Also im Taxi zum Hotel. Ausnahmsweise. Und so lande ich bei dem freundlichen aufgedrehten Italiener wie er klischeehafter nicht sein könnte:

Viel Schwung, um den Koffer in den Wagen zu wuchten. Dramatische Geste und „Bitte Signora!“ beim Türaufhalten. Und wortreiche Informationen zur Schönheit der Stadt, nachdem wir kurz das Ziel geklärt haben.

Ich lasse mich in den Sitz sinken, genieße die Show. Bis auf einmal die Frage kommt, was mich nach Regensburg führt. „Arbeit“, kann ich sagen und kurz das Seminar anreißen, bevor er mir lachend ins Wort fällt: „Sie sind aber nicht aus Bayern! Das hört man!“

Neun von zehn

Essen gehen mit dem Mann, den ich liebe. Zur Feier des Tages nicht nur schick gemacht sondern auch Nagellack aufgetragen. Alltagsuntaugliches Rot. Es lohnt sich – nach dem letzten Abbrechen sind die Nägel endlich wieder ansehnlich lang.

Bis es doch passiert. Ohne Anstoßen oder Handwerken oder Kisten schleppen oder Wühlen in Blumenerde. Wie immer am rechten Ringfinger. Und der Mann schon in Jacke an der Tür, seinen Schlüssel und meine Handtasche in Händen.

Also nur schnelles Zurechtfeilen, um schlimmeres zu verhindern. Am schlimmsten aber, dass ich mich so dreifach ärgere. Ausgerechnet heute. Über ein Tussi-Problem. Und weil Ärgern so gar nichts bringt außer verdorbenem Genuss.

Da es manchmal hilft, rede ich darüber. Und dieser Mann hat seine eigene Meinung. Erklärt mir, dass ich wieder mal falsch hinschaue. Weil neun von zehn Nägeln ganz wunderschön seien. Da mache doch dieser eine wirklich nichts. Während er das sagt, sieht er überhaupt nicht ironisch aus.