Feigensenf

Besuch auf dem Lieblingsmarkt. An einem Tag, an dem alles stimmt. Beeren- und Spargelzeit, strahlende Sonne und ein Samstag ohne Termine. Nach unserer großen Runde sitzen wir neben vollen Einkaufstrolleys im Café am Rande des Platzes. Genießen Leben, Cappucino, buntes Gewusel.

Bis uns einfällt, dass wir die Auberginen vergessen haben. Ganz Gentleman zieht der Mann, den ich liebe, nochmal los. Schnell, bevor die Stände schließen. Als er zurückkommt, grinst er schief. Legt zu der Auberginentüte zwei Stiegen Feigen auf den Tisch. Reife Feigen, denen er nicht widerstehen konnte. So, wie sie aussehen. Und für den Preis, den der Verkäufer kurz vor Schluss rausgehauen hat.

„Einfach Feigensenf draus machen“, rät die Kellnerin ungefragt im Vorbeigehen. „Mach ich auch später.“ „Gute Idee“, sage ich, nehme eine Feige in die Hand. Weich, saftig, süß.

 

 

Wie viel kürzer

Auch heute ist die Situation fürchterlich skurril. Aber es geht um den Jeansrock und seine letzte Chance. Gekürzt und künftig mit Leggings kombiniert, könnte es noch was werden. Also Umziehen in der viel zu kleinen Kabine und Präsentation vorm Änderungsschneider in unmöglicher Klamottenkombination. Doch der freundliche ältere Mann ist nur an einer Frage interessiert: „Wie viel kürzer?“

Eine Frage, die wir über Versuch und Irrtum klären. Und weil ich nicht gleichzeitig schauen und zeigen kann, kniet er vor mir und klappt den Saum um – bisschen mehr, bisschen weniger. Bei jedem neuen Vorschlag ein fragender Blick. Dahin, wo ich in den Spiegel schaue und mir nicht vorstellen kann, wie es am Ende aussehen wird. Bis er ungeduldig abkürzen will: „Kannst du doch tragen bei so schönen Beinen!“

Dann passiert alles gleichzeitig. Alles Blut schießt in sein Gesicht, das er knallrot abwendet. Und ich so überrascht, dass ich mich in einen Teenager verwandle und fast zu kichern anfange, als ich nicke und „Danke!“ sage. Er, der sich mit ganzer Konzentration daran macht, Stecknadeln in den steifen Stoff zu stecken. Wie immer, ohne mich zu pieksen.

Heimweg

Diese Kneipe auf dem Heimweg. Immer rauchende Männer mit finsteren Mienen vor der Tür. Je nach Stimmung knappe Gespräche oder Drohgebährden, hin und wieder eine ordentliche Schlägerei. Immer aber plötzliches Schweigen und Gassenbildung, wenn eine Frau vorbei läuft.

Ich kenne das, habe keine Angst. Gehe lächelnd weiter mit gestrafften Schultern und Blick nach vorn. Auch heute, obwohl die drei so mit sich beschäftigt sind. Ein enger Kreis voller Konzentration, den ich sogar umrunden muss, weil niemand zurück weicht.

Stattdessen der große muskulöse Dunkelhaarige mit Lederjacke und Goldkette, der sich vorbeugt und seinem Gegenüber entgegen zischt: „Wieso? Was nimmst du denn?“. Die Antwort kommt prompt: „Colgate, wieso?“. Und ruhiger: „Ich Meridol.“

Dann bin ich leider außer Hörweite.

Emilia

Am späten Nachmittag brechen wir auf. Der Mann, den ich liebe und ich. Holen die Fahrräder aus dem Hof und begegnen dabei einer Nachbarin und ihrem Besuch. Ein paar kurze, freundliche Sätze. Über schönes Wetter, Sonntage, Fahrrad fahren.

Bis das Kind vom Besuch mit Schwung und guter Laune aus der Wohnung auf die Terrasse läuft. Ein kleines Mädchen im blauen Kleid mit gelben Gummistiefeln. Und mit Neugier im Gesicht, als sie uns sieht, interessiert betrachtet. Und uns schließlich laut und deutlich entgegen ruft: „Wisst ihr eigentlich, dass ich Emilia heiße?“

Weiße Tulpen

Auf dem Heimweg kaufe ich uns Blumen fürs Wohnzimmer. Weil der Frühling immer noch auf sich warten lässt. Und weil der Mann, den ich liebe, auch gerne Blumen. hat. Einzige Voraussetzung: Bunt muss der Strauß sein. Und voller Vielfalt.

Neben den passenden Sträußen Tulpen. Einfarbig im Bund. Rot, gelb, violett, weiß. Sofort denke ich an meine Lieblingsnachbarin, die weiße Blumen liebt. Die unsere Pflanzen gießt, wenn wir weg sind. Pakete annimmt. Mir ihr Auto leiht und Zwiebeln und Milch und ein Kleid, wenn ich mich mit meiner Auswahl für das Event unpassend fühle.

Spontan ziehe ich einen Bund weißer Tulpen aus dem Eimer. Gehe zur Kasse, nach Hause, drücke nebenan die Klingel. Sehe in ein überraschtes Gesicht, auf das sich ein strahlendes Lächeln legt. Einfach so.