Laterne

Wir begegnen uns an der Haustür: Nachbarin, Nachbarskind und ich. Vom Martinszug kommen sie, wie die Kleine sofort berichtet. Und nur kurz Luft holt, um mir alles Wichtige zu erzählen: Vom Martin auf dem Pferd, dem großen Feuer und den Liedern. Und natürlich vom Weckmann, den ihre Mutter extra aus der Tasche holen muss, damit ich ihn anschauen kann. Angeleuchtet vom Licht der selbst gebastelten Laterne.

Weil anderes Licht strengstens verboten ist. Vor allem im Hausflur. Auch, wenn wir für einen Moment stehen bleiben müssen, uns orientieren. Und entdecken, dass alles ganz anders aussieht. Wände, Treppenstufen, Briefkästen. Der Raum so viel größer und undurchdringlicher, dass wir flüstern. Uns Schattenfiguren zeigen, kleine Feen, freundliche Gespenster.

Und dann tastend losgehen, eine kleine Lotsin an der Spitze, die uns Stufe für Stufe ins richtige Stockwerk führt.

 

 

 

Atlantik

Urlaub mit Freunden in Porto. Eine tolle Stadt mit glitzerndem Fluss und bunten Häusern, an denen der Putz genau richtig abblättert. Mit engen Gassen, kuriosen Läden, tollen Menschen.

Trotzdem sind wir an diesem Nachmittag raus gefahren. Mit der Bahn ans Meer. Ungewohnt still und jeder mit sich selbst beschäftigt nach drei Tagen voller Eindrücke. Auch auf dem Weg zum Strand nur knappe Kommentare über die Hässlichkeit dieser Bettenburgen, mit denen man sich die schönste Gegend verschandeln kann.

Und dann das Meer. Der Ozean. Krachende Wellen, dröhnender Wind. Schnell die Schuhe ausziehen und runter laufen, Sand zwischen den Zehen. Ins Wasser, das so eisig ist, dass sich keiner ein Quietschen verkneifen kann. Dass wir „kalt“ schreien müssen und „schön“ und „gewaltig“. Und dann loslachen, weil nichts davon originell ist.

 

 

 

Lesen

Dieser Mann auf der anderen Seite des Ganges. Wie er seit Stunden liest. So gebannt, dass er nichts anderes mitbekommt. Zugdurchsagen, Landschaft, den Wagen mit Kaffee und Süßigkeiten. Und leider hält er das Buch so, dass ich den Titel nicht erkennen kann. Spekulieren muss, was so fesselt.

Kurz vor Leverkusen hat er es geschafft, klappt das Buch zu, schaut einen Moment in die Luft, bevor er es fast zärtlich auf den Nebensitz legt. Mit dem Cover nach unten, dem Buchrücken zum Fenster. Noch immer versonnen aufsteht und weggeht, vielleicht in den Speisewagen, vielleicht zur Toilette.

Es wäre ein Schritt über den Gang. Ein kurzes Rüberbeugen, Hochnehmen, schnell den Titel lesen. Er würde nichts bemerken. Bei der nächsten Haltestelle bin ich aus dem Zug.

Ich stehe nicht auf. Weiß, was sich gehört. Drehe mich extra weg, zum Fenster. Und sehe doch aus dem Augenwinkel die ältere Dame, die sich gar nicht vorsichtig dem Sitz nähert. Sich einfach rüber beugt, das Buch dreht und ohne Hektik zu ihrem Platz zurück geht. Ich meine, sie lächelt.

Bisschen neidisch

Eine Szene wie im schlechten Film. Eine Taube hat mich angeschissen. Mitten in der Stadt. Mitten auf die Jacke. Wenigstens nicht auf meinen Kopf. Und zum Glück lässt mich die verständnisvolle Thekenfrau im Café sofort nach hinten durch gehen.

Und so stehe ich auf der Damentoilette und wasche mit spitzen Fingern und viel Papiertüchern das gelblich-weiße Zeug aus dem dunklen Stoff. Zum Glück erfolgreich. Auch wenn es mich vor Ekel schüttelt.

Die Frau neben mir macht sich ausgiebig frisch. Dazwischen verstohlene Blicke auf meine Aktion. Schließlich die knappe Frage: „Vogelschiss?“. Knapp nicke ich zurück. „Bei uns bedeutet das Glück“, wendet sie sich mir zu, den Lippenstift in der Hand. „Da bin ich jetzt wirklich ein bisschen neidisch!“

Schatten

Draußen mit den Neffen. Die neuen Tretroller austesten auf Schnelligkeit, Design und Kurvenlage. Bis dem Großen die tote Maus auffällt. Dicht neben der Teststrecke. Und wir einen Moment innehalten, Mitleid haben mit dem toten Tier. Bis die Neffen beschließen, die Maus mit der Schaufel auf den Rasenstreifen neben der Spielstraße zu schaffen. Damit wir sie mit den Rollern nicht zermatschen.

Unter der Maus Maden. Und sofort erwacht der Forschergeist. Wundern sich die beiden über die plötzliche Nervosität, das Gewimmel. Und woher sie kommen, diese kleinen weißen Tiere. Und dass sie überhaupt so weiß sind.

Also versuche ich, zu erklären. Dass die Maden irritiert sind. Nach der Maus suchen. Und vor allem das Sonnenlicht viel zu hell finden. Sofort beugt sich der kleine Neffe vor. Murmelt: „Jetzt habt ihr Schatten.“ Und schweigend sehen wir zu, wie die Maden nach und nach zwischen den Steinen verschwinden.