Schreckliche Menschen

Mit dem Bus in Köln unterwegs. Ausgerechnet an einem Regentag, ausgerechnet in der Rushhour. Beschlagene Scheiben, stockender Verkehr, rote Ampeln, Hupkonzert. und weil wir nur so langsam voran kommen, steigt auch drinnen die Aggressivität. Bis der Bus endlich hält und die in die Freiheit entlässt, die schon so lange an der Tür gewartet haben.

Doch so schnell geht es nicht. Unser Ausstieg direkt am Haltstellenhäuschen. Voll mit Menschen. Die nicht in den strömenden Regen wollen, nur zögernd Platz machen. Zuviel für den Mann, der sich neben mir durch die Menge kämpft. „Schreckliche Menschen seid ihr!“, schimpft. Und: „Alles Idioten!“

Bis eine Frau ihn antippt und so engagiert Richtung Bustür gestikuliert, dass er stehen bleibt, sich umdreht. Auf der obersten Treppenstufe ein Jugendlicher, der mit einem Schirm winkt. „Den haben Sie vergessen!“, ruft.

 

 

Ihr Kinderlein kommet

Besuch von Freunden, zufällig im Advent. Also auch Plätzchen und Glühwein zu Käse und Chips. Ansonsten ist alles wie immer: Quatschen, ein bisschen Lästern, Lachen. Bis zur kleinen Gesprächspause, in der die beiden erst sich anschauen, dann uns. Mit breitem Grinsen im Gesicht. Und dann in ihrem großen Rucksack wühlen, über den ich mich schon bei der Begrüßung gewundert habe.

„Beim Kelleraufräumen gefunden“, sagt er stolz und zaubert eine Blockflöte auf den Tisch. „Und festgestellt, dass wir’s noch können“, strahlt sie, platziert eine zweite daneben. „Und weil du doch als Kind im Flötenkreis warst…“

Erst Schweigen, dann wieder breites Grinsen. Jetzt auch vom Mann, den ich liebe. Widerstand zwecklos und schon zwei Glühwein im Bauch. Also sitzen wir kurz später vor „Ihr Kinderlein kommet“ in einem vergilbten Flötenbüchlein. Dreistimmig gesetzt, aber überraschend leicht. Zumindest so lange, bis ich von den Noten aufschaue. In ein Gesicht, das sich vor Lachen nicht mehr halten kann. Und wir zu Dritt losprusten in quietschende Flöten hinein.

Unbedingt nehmen

Auf der Suche nach neuen Stiefeln. Ersatz für die lieb gewonnenen Begleiter aus den letzten Wintern. Und tatsächlich finde ich ein Paar, das fast nahtlos an seinen Vorgänger anschließen kann. Schon will ich sie kaufen.

Als mir auf dem Weg zur Kasse die anderen auffallen. Tolles Leder, schlichtes Design. Aber ganz flacher Absatz. Nichts für mich. Trotzdem probiere ich sie an. Nur um sicherzustellen, dass sie wirklich nichts sind.

Ungewohnt. Aber sehr bequem. Und irgendwie schick, lässiger. Unentschlossen hole ich die erste Wahl aus der Schachtel. Ziehe je einen Stiefel an. Laufe ein paar Schritte. Prüfe im Spiegel. Gehe im Kopf Kombinationen durch. Ziehe den mit dem höheren Absatz aus, den mit dem flachen an.

Neben mir eine tolle Frau. Gut angezogen, strahlendes Lächeln. „Unbedingt nehmen!“, sagt sie. „Lässig und schick.“

 

 

Wieder anfangen

Um an den Karnevalstagen möglichst viele kölsche Lieder mitsingen zu können, geht man in Köln zu Einsing- oder Mitsingabenden mit unterschiedlichen Szenarien. Dieses Mal sind wir in einem kleinen Kiosk gelandet, in dem Birgit uns mit ihrem Akkordeon auf die fünfte Jahreszeit einstimmt.

Die Stimmung ist gut. Konzentration bei den neuen Liedern und lautes behagliches Schmettern bei den alten Krachern. Vor der Pause ein Hit der letzten Jahre. Alle voll dabei, nur mein Nachbar seltsam ruhig mit Denkfalte auf der Stirn. „Kannte ich nicht“, muss er nach dem Lied nachdenklich gestehen.

Weil er in den letzten Jahren nicht so viel Karneval gefeiert hat. Morgen aber auf jeden Fall das Lied im Internet suchen und nachlernen wird, wie er mir und den anderen versichert. Und alles Beschwichtigen und Kleinreden mit energischem Kopfschütteln abwiegelt: „Ich muss wieder anfangen mit dem Feiern!“

 

Laterne

Wir begegnen uns an der Haustür: Nachbarin, Nachbarskind und ich. Vom Martinszug kommen sie, wie die Kleine sofort berichtet. Und nur kurz Luft holt, um mir alles Wichtige zu erzählen: Vom Martin auf dem Pferd, dem großen Feuer und den Liedern. Und natürlich vom Weckmann, den ihre Mutter extra aus der Tasche holen muss, damit ich ihn anschauen kann. Angeleuchtet vom Licht der selbst gebastelten Laterne.

Weil anderes Licht strengstens verboten ist. Vor allem im Hausflur. Auch, wenn wir für einen Moment stehen bleiben müssen, uns orientieren. Und entdecken, dass alles ganz anders aussieht. Wände, Treppenstufen, Briefkästen. Der Raum so viel größer und undurchdringlicher, dass wir flüstern. Uns Schattenfiguren zeigen, kleine Feen, freundliche Gespenster.

Und dann tastend losgehen, eine kleine Lotsin an der Spitze, die uns Stufe für Stufe ins richtige Stockwerk führt.